Kurt Lauterburg ist staatlich diplomierter Schauspieler. Ausgebildet in Deutschland von Gustav Knuth, Wolfgang Reichmann und Samy Molcho, hatte er feste Bühnenengagements am Staatstheater Karlsruhe sowie am Theater der Stadt Bonn. Später war er in Zürich als Fachhochschuldozent für Deutsch, Sprecherziehung und Textgestaltung tätig. Sodann wirkte er als Sprechtrainer verschiedener Berufsgruppen, insbesondere von Radiojournalisten. Nach acht Jahren Weiterbildung in „Literarischer Vortragskunst“ bei Detlef Rora sowie der Mitwirkung an diversen literarischen Vortragsabenden widmet sich Kurt Lauterburg heute der Gestaltung vorwiegend klassischer literarischer Texte, die er stets auswendig vorträgt. Die entsprechenden Videoaufnahmen werden jeweils ungeschnitten und unbearbeitet auf seiner Homepage und zum Teil auch auf Youtube gezeigt (siehe “Videos”). Ausserdem veröffentlicht er von sich besonders gelungene Höraufnahmen von bekannten Gedichten und Prosatexten (siehe “Audio”) Es kommen laufend neue Video- und Audio-Aufnahmen dazu.

FRAGEN AN KURT LAUTERBURG

Herr Lauterburg, ich bin im Internet auf der Suche nach gekonnt gesprochenen Gedichten auf Ihren Namen und Ihre Homepage gestossen. Wenn ich auf Youtube die einzelnen Links bei einem bestimmten Text anklicke, stelle ich fest, dass Gedichte häufig als Parodie zu hören oder zu sehen sind oder dass die Texte zu Musik gesprochen werden. Sie machen das anders…
Ja, ich möchte nicht, dass irgend etwas vom gesprochenen Wort ablenkt, sei es ein unruhiger Hintergrund oder eben Musik, sei sie auch noch so gekonnt gespielt. Die von mir ausgewählten Gedichte oder Prosatexte sind stark genug, dass sie ohne „Beiwerk“ bestehen können. Deshalb gestalte ich die Texte auch vor einer neutralen weissen Wand.

Die meisten Gedichte auf Youtube sind als reine Höraufnahmen präsentiert; ich kann die Körpersprache der Sprecherin oder des Sprechers nicht sehen. Oder jemand schaut häufig in das Buch, wo der Text steht. Ist das nicht schade?
Ja, natürlich, das finde ich auch. Wissen Sie, ich veröffentliche nur literarische Werke, die ich absolut sicher auswendig kann, so dass ich nicht durch das Halten des Buches „behindert“ werde. Seit längerer Zeit mache ich ausschliesslich Videoaufnahmen, mit denen ich noch mehr ausdrücken kann als mit blossen Höraufnahmen. Das braucht, ob es ein kurzer oder langer Text ist, Monate, bisweilen auch schnell ein halbes Jahr. Dabei ist das Auswendiglernen nur der Anfang, der kleinste Teil der eigentlichen Gestaltungsarbeit.

Viele Leute sagen, sie könnten auch kürzeste Texte nicht auswendig lernen…
Nun, es liegt in der Natur der Sache, dass Menschen unterschiedlichen Interessen nachgehen und dass sie im Leben andere Prioritäten setzen, als Gedichte auswendig zu können.
Ich behaupte, Auswendiglernen ist einzig und allein eine Sache der Einstellung, des Wollens, des ständigen Trainings und der intensiven Beschäftigung mit dem Text. Wort für Wort, Satz für Satz, Abschnitt für Abschnitt. Immer wieder, Tag für Tag. Wiederholen, überprüfen, wiederholen, überprüfen. Auch mit Probeaufnahmen.
Auswendiglernen (vielleicht noch treffender ausgedrückt französisch „par coeur“ oder englisch „by heart“) ist auch in meinem Alter ein Kinderspiel. Es fällt mir nicht schwerer als damals, als ich Berufsschauspieler war. Im Gegenteil : Jetzt habe ich viel mehr Zeit, die Texte jeden Tag von morgens bis abends mit mir „herumzutragen“, bis ich sie mir so zu eigen gemacht habe, dass sie wie zu meinen eigenen Gedanken geworden sind. Es ist für mich wunderschön, literarische Kunstwerke ohne ein „Hilfsmittel“ immer bei mir zu haben, wo ich gehe, stehe, sitze oder liege. So kann ich mich von den „verdichteten Wahrheiten“ überall beflügeln oder trösten lassen. Gedichte oder Prosatexte zu lernen übt ausserdem das Gedächtnis und beruhigt gestresste Gemüter. Ob es wohl sogar ein Anti-Alzheimer-Training ist?

Sie sagen, etwas auswendig zu können, sei erst die Grundlage für Ihre Gestaltungsarbeit. Wie fahren Sie weiter, bis Sie Ihren Beitrag veröffentlichen?
Schon während des Auswendiglernens spielt natürlich die Interpretation eine grosse Rolle. Ich denke intensiv darüber nach, was die einzelnen Sätze und Wörter bedeuten könnten, was der Dichter wohl damit gemeint hat. Das kann sehr schwierig sein. Manchmal habe ich eine schriftliche Interpretation zur Hand, manchmal lege ich mir selbst zurecht, was der Text bedeuten könnte. Anhand der vom Autor geschaffenen „Bilder“ erschliesst sich oft auch der tiefere Sinn. Es kann in seltenen Fällen vorkommen, dass ich eine Textstelle auch aus dem Gesamtzusammenhang schlicht nicht verstehe und dass ich das Gedicht doch spreche, weil mir die Sprache und das Thema gefallen.

Sagen Sie bitte mehr zur Auswahl Ihrer Texte!
Da ich ja meine Gestaltungen veröffentliche, wähle ich nur Gedichte aus, bei denen ich vermute, dass die Zuhörenden und Zusehenden dem Text beim Sprechen folgen und ihn verstehen können, was ja schwierig ist, wenn man ihn eventuell noch nicht kennt. Deshalb lasse ich zum Beispiel aus meinem Repertoire die „Sonette an Orpheus“ von Rilke weg, so schön deren Sprache ist. Ich habe die Sonette erst nach langer Auseinandersetzung und mit Hilfe von fremden Interpretationen verstanden.
Ich wähle nur Texte aus, die viel Gefühl beinhalten, die starke Emotionen zulassen, deren “Bilder” sich mir erschliessen und deren Wahrheit mir in meinem Leben geholfen haben oder mir heute helfen. Besonders mag ich die Texte, in denen eine Entwicklung der Gefühle innerhalb des Gedichtes oder des Prosatextes stattfindet. Sprachspielartige, raffiniert komponierte, sehr „intellektuelle“ oder sehr “akademische” Gedichte liegen mir weniger.
Meine veröffentlichten Gestaltungen sind oft relativ langsam gesprochen, mit vielen Pausen und gefühlvoll gestalteten Übergängen. Übergänge und Veränderungen der Gefühle und der Gedanken aufzuspüren und herauszuarbeiten,  ist sehr wichtig. Es gibt zahlreiche Aufnahmen auf Youtube oder anderen Kanälen, die im Vergleich zu meinen Beiträgen viel schneller sind, eine Folge dessen, dass man ja nur sehr selten die Sprechenden auch sieht. Bei Videoaufnahmen stelle ich mir eben immer ein Publikum vor, dem ich die Texte darbiete und dem sich durch meine Körpersprache der tiefere Sinn der Dichterworte hoffentlich besser erschliesst.

Welches sind Ihre bevorzugten Dichter?
Da gibt es einige, auch aus neuerer Zeit. In meiner eigenen Einschätzung liegen mir zum Sprechen sicher Rainer Maria Rilke, Joseph von Eichendorff, Hermann Hesse, Hugo von Hofmannsthal, Wolfgang Borchert und Kurt Tucholsky.

Wann ist der Zeitpunkt gekommen, dass Sie eine Aufnahme veröffentlichen ?
Zuerst muss ich mir noch über die Betonungen und Pausen klar werden. Betonungen sind Interpretationen des Sprechenden. Man kann da durchaus verschiedener Meinung sein. Sicher ist jedoch, dass man nicht zu viele Wörter betont, sondern sich entscheidet. Betonen soll man natürlich die Ausdrücke, die die Hauptinformationen liefern und die für den tieferen Sinn des Textes wichtig sind.
Ich versuche, die Sprechmelodien unterschiedlich zu gestalten, so dass kein „Singsang“ entsteht, der monoton wirken kann. Dabei helfen mir auch Probeaufnahmen.
In Bezug auf meine Körpersprache achte ich darauf, Gesten sparsam einzusetzen, damit auch in dieser Beziehung keine Gleichförmigkeit entsteht. Immer wieder spreche ich die Texte auch vor dem Spiegel oder vor der Kamera, um mich zu kontrollieren. Der grosse Samy Molcho hat mir enorm viel beigebracht.
In der letzten Phase vor der Videoaufnahme löse ich mich aber vom Spiegel.

Ich sehe, dass Sie sehr gründlich vorgehen und dass das alles ein langer Prozess ist…
Ja, das kann man wohl sagen. Aber ich möchte, wenn ich die veröffentlichten Aufnahmen sehe und höre, mir selbst glauben, was ich spreche. Mir sollen meine eigenen Gestaltungen gefallen.
Trotzdem denke ich dann oft, dass diese und jene Stelle des Textes nicht ganz gelungen ist und dass ich die Aufnahme noch perfekter hinkriegen könnte. Deswegen nehme ich gewisse Werke nach Monaten oder Jahren wieder hervor. Sie sind dann in der Zwischenzeit immer innerlich „gewachsen“, auch wenn ich sie ruhen liess. Nur schaffe ich es zeitlich wegen der Fülle der veröffentlichten Texte leider nicht, an allen bisherigen Aufnahmen weiter zu feilen, so gern ich das möchte.
Wahrscheinlich werde ich in meinem Leben die perfekte Gestaltung eines dichterischen Kunstwerks nie erreichen…

Vielen Dank, Herr Lauterburg, für Ihre Erläuterungen!